Popmusik auf der Orgel   -   Nachwort
April 2021
Die Zeiten, wo man NUR klassische Orgelmusik spielen durfte (oder musste), sind vorbei. Lesen Sie dazu bitte die Kolumne "Welche Musik gehört in die Kirche?" von Doris Zürcher.

Ende der 1960er Jahre begann ich mit Orgelspielen, übte und pröbelte fleissig auf der alten Goll-Orgel in der Dorfkirche Spiez. Dann hatte ich noch ein Philips-Tonbandgerät - noch so ein Richtiges, mit Spulen! Damit konnte ich in Stereo auf zwei Spuren aufnehmen. Es gab aber auch die Möglichkeit von Multiplay. Damit konnte ich zwar nur auf einer Spur - also in Mono - aufnehmen; dafür war es möglich, in weiteren Aufnahmen immer mehr Instrumente beifügen.

Und da muss ich gestehen, dass ich damals ziemlich unkirchliche Musik aufnahm, nämlich Jazz, vor allem Dixieland. Ich begann also mit der 1. Aufnahme und nahm die ganze Akkordfolge vom z.B. "Royal Garden Blues" mit einer eher grundtönigen Registrierung auf Spur 1 auf. Bei der nächsten Aufnahme überspielte ich die Akkorde von Spur 1 auf Spur 2 und nahm gleichzeitig den Bass auf Spur 2 auf (die alte Spiezer Orgel hatte so einen fetten Principal 16' im Pedal, der immer ein wenig hintendreinhinkte). Dann kopierte ich Akkorde und Bass auf Spur 1 und nahm dazu die Trompete auf (Dafür diente mir das hübsche und laut intonierte Kornett vom Hauptwerk). Danach übertrug ich alles von Spur 1 auf Spur 2 auf und nahm gleichzeitig die Posaune auf (Hier brauchte ich die sonore Trompete vom Schwellwerk). Und am Schluss kippte ich alles von Spur 2 auf Spur 1 und nahm dazu die Klarinette auf (wofür ich ich 8'   4'   2 2/3'   2'  und  1 3/5' vom Schwellwerk registrierte).

Und so bekam ich den Blues in Dixieland-Manier. Er tönte rhythmisch zwar etwas wackelig, - ich war ja noch Anfänger, und die pneumatische Orgel trug auch ihren Teil zum Rhythmuswackel bei - aber auch wunderschön. Ich höre ihn noch immer vor meinem inneren Ohr.

Zwei, drei Jahre später traktierte ich die Orgel im Gottesdienst, in verschiedenen Kirchen. Ich spielte "brav" die kurzen Präludien und Fugen von Fischer, "Kleine Präludien und Fugen", einfachere Orgelchoräle und Trios. Selbstverständlich hätte ich es damals NIE gewagt, Dixieland, Blues, volkstümliche Musik oder auch mal einen Song von den Beatles im Gottesdienst zu spielen. Das gehörte sich einfach nicht!!!
In den 1950er Jahren soll scheints in Bern ein Ausweis-1-Schüler bei der Prüfung durchgefallen sein, weil er es gewagt hatte, ein etwas schmalziges und emotionales Zwischenspiel von Marcel Dupré zu spielen!
Aber - die Zeiten ändern und wir ändern uns mit ihnen. Wie ja schon Doris Zürcher in ihrere Kolumne beschreibt. Musikwünsche an Organistinnen und Organisten sind an der Tagesordung, und da ist sehr selten ein Bach oder Mendelssohn darunter!

Besonders bei einer Abdankungsfeier für eine liebe, verstorbene Person, aber auch bei Trauungen und ganz "normalen" Sonntags-Gottesdiensten werden Musikwünsche angebracht. Und da würde man sich als Organistin oder Organist das eigene Organistengrab schaufeln, wenn man nicht auf diese Wünsche eingehen wollte!

Das Problem bei der "Nicht-für-die-Orgel-komponierten-Musik" ist immer DIE ORGEL selber. Eine Orgel tönt einfach anders als ein Klavier, eine Gitarre, ein Streicherensemble, ein Schwyzerörgeli, ein Synthesizer, eine Drum Machine oder ein Chor. Der Orgelklang ist relativ starr und unbelebt, und die Töne klingen halt so lange, wie die Tasten gedrückt bleiben! Auf der Orgel kann man nicht einfach so herumzirpen wie auf einer Gitarre oder es plätschern lassen wie auf einem Klavier oder E-Piano. Und schmachtende Vocals mit viel Atemgeräuschen - wie sie ja so in Mode gekommen sind - lassen sich einfach fast nicht generieren.

Dazu kommt das Eigenleben einer jeden Orgel! Eine Orgel tönt hell und klar, eine andere Orgel tönt matt und leblos, wieder eine "chlefelet u polteret" wie ein freigelassener Muni, dann eine andere tönt wieder silberhell und anmutig. Und dann haben wir manchmal genügend, aber häufig(!) zu wenig Register, um einen einigermassen adäquaten Klang zu erzeugen. Diese Orgel gehorcht der Organistin und reagiert flink, jene Orgel aber ist träge wie ein Berner beim sonntäglichen Spaziergang im Januar. In dieser Kirche hilft die Raumakustik mit einer angenehmen, "glättenden" Akustik, aber in der anderen Kirche tönt es wie in Röslis Besenkammer...

ES IST ZUM VERZWEIFELN!   .......

...könnte man meinen. Und trotzdem ist es nicht so schlimm. Denn uns allen hilft hier der Wiedererkennungswert. Eine wundersame menschliche Eigenschaft hilft mir, ein ein von mir gewünschtes Musikstück - einigermassen passabel gespielt auf der Orgel - als solches zu erkennen, zu akzeptieren und daran sogar Freude und Befriedigung zu haben - auch wenn vielleicht die Sounds nicht so "stimmen" und Tempo und Rhythmus etwas behäbig sind. Wenn nur die Melodie einigermassen wie im Original tönt und das Tempo vergleichbar ist, dann bin ich es (und sind es erfahrungsgemäss viele andere auch) zufrieden.