Markus Aellig
Organisten-Alltag 2024
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Die IV am Pranger
Februar 2024
Man erlaube die deftige Sprache...

Was ME/CFS- und Long-Covid-Patienten an Stress und endlosem Warten, an Kaltschnäuzigkeit und Empathiemangel, an Demütigung und behördlicher Willkür seitens unserer glorreichen Invalidenversicherung - 4 Jahre nach dem Ausbruch von Corona - immer noch erleben, lässt sich nur (leicht angepasst) mit den Worten von Max Liebermann kommentieren:
Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.
Der Kassensturz hat kürzlich eine Sendung ausgestrahlt. Bitte lesen Sie im Beitrag ME/CFS und Long Covid weiter.
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Noten und neue Hörbeispiele
Februar 2024
In den letzten Jahren haben sich auf meiner Homepage zahlreiche Noten angesammelt. Brautpaare, Trauerfamilien, Organistinnen und Organisten wünschten sich ein Jodellied oder einen Popsong. Ich hörte mir dann jeweils das gewünschte Stück an und schrieb ein passendes und nicht allzu schwieriges Orgel-Arrangement.

Oft dachte ich mir, es wäre noch praktisch, wenn ich diese Stücke nicht nur als Noten, sondern auch als Hörbeispiele publizieren könnten. Wie im untenstehenden Beitrag erwähnt, nützte ich eine Sonntagsvertretung in der Stadtkirche Thun aus, registrierte und übte während Tagen zahlreiche Songs. Am Vormittag übte ich jeweils 2-3 Stunden, am Nachmittag 4-5 Stunden. Am Abend war ich dann jeweils ziemlich fixundfoxi. Der Rücken schmerzte, im Kopf herrschte ein Durcheinander, und ich freute mich auf das Feierabendbier und etwas Entspannung vor der Glotze.

Ich musste diese Stücke intensiv üben. Teilweise waren sie doch ziemlich schwierig, und ich bin halt schon recht alt. Allerdings erlaubte ich mir ziemlich viele Freiheiten beim Notentext und improvisierte gelegentlich drauflos.

Und dann kam der Sonntag, wo ich die Songs aufnehmen wollte. Die Kirche wird um 19 Uhr geschlossen. Ab dann bis 21 Uhr konnte ich aufnehmen. Schlau wäre gewesen, die Aufnahmen mit den leichtesten Stücken zu beginnen. Aber unklugerweise fing ich mit schwierigen Stücken an, der Chacony in g-moll von Purcell, dem Danny Boy, einem Ragtime usw.

Ich konnte noch nie perfekt und fehlerfrei spielen, und heute - mit fast 72 - kann ich es erst recht nicht. Aber das war mir eigentlich zeitlebens ziemlich wurscht, denn im Gottesdienst oder an einem Konzert kann man ja Fehler irgendwie überspielen und kompensieren. Bei Aufnahmen hingegen herrscht purer Stress: Der kleinste Fehler führt zum Abbruch, und die Aufnahme muss wiederholt werden. Besonders blöd ist jeweils, wenn ein fünfminütiges Stück lange fehlerfrei läuft und mir dann kurz dem Schluss ein Chabis passiert.

Ich nahm also auf; immer wieder passierten mir Fehler, und ich musste von vorne beginnen. Ich wurde immer nervöser und gehässiger. Dann schlug die Turmuhr 20 Uhr. Ich war völlig groggy, packte zusammen und fuhr heim.

Einige Tage später versuchte ich es nochmals. Ich hatte nur 2 Stunden Zeit für die Aufnhamen, von 19 - 21 Uhr. Was dabei herauskam, sehen und hören Sie hier.
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Die verstimmte Orgel - Modern Times in der Stadtkirche Thun
Februar 2024
Bei einer Generalstimmung werden alle Pfeifen einer Orgel gestimmt. Dann "stimmt" die Orgel eine Zeitlang und klingt rein und schön. Allerdings fällt im Verlauf der Wochen und Monate die Stimmung allmählich auseinander: Die Labialpfeifen werden höher oder tiefer (je nach Temperatur in der Kirche), bleiben aber in sich mehr oder wenger gestimmt. Die Zungenpfeifen gehen eigene Wege: Einige Pfeifen behalten die Stimmung, andere werden höher, und wieder andere werden tiefer.

Das führt dazu, dass die Zungenregister oft nicht gebraucht werden können, eben, weil sie so verstimmt sind. Das ist schade, denn der metallisch-scharfe und manchmal eigenwillige Klang der Zungenregister bereichert den Gesamtklang einer Orgel ausserordentlich.

Was tut man da? Entweder stimmt man die Zungenpfeifen selber, mit Hilfe eines Tastenhalters. Das ist billig und kostet die Kirchgemeinde nichts. Oder man ruft den Orgelbauer an. Der kommt dann für ein oder zwei Stunden, was ziemlich ins Geld gehen kann. Oder man macht gar nichts und lässt die Zungenpfeifen links liegen; das ist am allerbilligsten, aber auch allerschadesten.

Wenn sich der Orgelbauer für eine Generalstimmung angemeldet hat, heizen in der Regel die Sigristin oder der Sigrist die Kirche vor So wird eine Innentemperatur errreicht, wie sie am Sonntag im Gottesdienst oder bei einem Konzert herrscht. Der Orgelbauer stimmt also (Referenzton a' = 440 Hz), und der Organist freut sich. Dann geht der Orgelbauer seines Weges, die Kirchenheizung wird wieder ausgeschaltet oder reduziert.

Wenn dann der Organist einen Tag oder so später in die Kirche geht und üben will, dann findet er zu seinem Leidwesen eine mehr oder weniger verstimmte Orgel vor. Aber er (der Organist) kann sich ja damit trösten, dass die Orgel am darauffolgenden Sonntag wieder rein und schön klingen wird, weil dann die Kirche geheizt sein wird.

Oder der Organist probt unter der Woche mit einem Solisten (z.B. einem Trompeter) für den Gottesdienst vom darauffolgenden Sonntag. Die Proberei ist etwas mühsam, denn die Orgel ist wegen der tiefen Innentemperatur ziemlich tief (unter 440 Hz), und der Trompeter hätte es doch gerne möglichst hoch (442 Hz oder noch höher). Am Sonntag werden unsere wackeren Musiker belohnt: Die Orgel klingt jetzt höher, und der Trompeter ist's zufrieden.

Generell gilt:
Je höher die Temperatur, umso höher die Orgel   -   Je tiefer die Tenperatur, umso tiefer die Orgel
Seit Jahren spiele ich in den Kirchen von Wimmis und Erlenbach. Dort habe ich mich schon oft über die verstimmten Orgeln geärgert, wenn ich unter der Woche übte. Am Sonntag herrschte dann wieder Freude und Kuchen, denn die Orgeln tönten jetzt wieder ziemlich rein und sehr schön.

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Anders ist die Situation in der Staktkirche Thun. Dort wird im Winter die Kirche durchgehend geheizt, auch unter der Woche. Die Temperatur auf der Empore liegt bei 16° - 17° Celsius. Am Sonntag wird dann ein wenig geheizt. So ist die Orgel auch unter der Woche gut gestimmt, und das Spiel auf ihr macht ausnahmslos Freude.

Früher kam es manchmal vor, dass die Orgelstimmung bei einem gut besuchten Gottesdienst oder Konzert auseinanderdriftete. Die vielen Leute heizten die Kirche zuätzlich auf, die höhere Temperatur erreichte zuerst das Rückpositiv, und dieses wurde zunehmend höher, während die Pfeifen im "kühleren" Hauptgehäuse - also Hauptwerk, Schwellwerk und Pedal - in der tieferen Stimmung blieben. Deshalb verzichtete ich manchmal auf den Einstz des Rückpositivs, wenn viele Besucher zu erwarten waren.

2014 und 2015 wurde die Kirche einer gründlichen Renovation unterworfen: Im Kirchenestrich wurden Tonnen von Klimageräten installiert, und in die Decke über dem Kirchenschiff fräste man zwei lange, schmale Schlitze. Durch diese Schlitze wird jede Menge Luft via die Klimageräte umgewälzt.

Das erzeugt manchmal richtig Ferienstimmung, wenn die Blasgeräusche moderat sind und wie karibisches Meeresrauschen klingen. Es kann aber auch vorkommen, dass ein regelrechter Tornado durch Kirche braust. Schauen Sie doch bitte mal im Organisten-Alltag vom März 2020 nach. Dort wird unter dem Titel "Vom Winde verweht"  oder  "Der Geist weht, wo er will" ein solcher Tornado beschrieben.

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Kürzlich spielte ich im Gottesdienst in der Stadtkirche Thun. In der Woche zuvor hatte ich jeden Tag fleissig geübt, denn ich wollte wieder mal einige Hörbeispiele aufnehmen. Ich freute mich am Klang der Orgel, an den gut gestimmten Zungenregistern und am "stimmungsmässig" tiptopen Zustand des Rückpositivs.

Und dann komme ich am Sonntag in die Kirche und begebe mich auf die Empore. Es ist dort unerwartet warm, und ich denke: "Oha lätz, jetzt ist das Rückpositiv sicher höher als der der Rest der Orgel. Schade!" Und dann traktiere das vorgesehene Eingangsspiel, die "Chacony in g-moll" von Henry Purcell. Bei diesem Stück habe ich auch das Rückpositiv einbezogen. Wie ich da so spiele, stelle ich tatsächlich eine schauderhafte Verstimmung fest. Das Stück tönt wie auf einer ramponierten Wurlitzer Kinoorgel.

Pfui!  -  Oder wie wir in Adelboden früher sagten: Huss Mädi!

Ich musste dann halt die Chacony umregistrieren, auch das Zwischenspiel. Macht nicht so Freude. Ich war immer noch der festen Meinung, das Rückpositiv sei höher als der Rest der Orgel, nahm den Oktav 4' vom Hauptwerk und den Principal 4' vom Rückpositiv und zog noch das Stimmgerät bei, um zu sehen, wieviel höher das Rückpositiv sei. Und dann...
Denkste!
Das Rückpositiv war gar nicht zu hoch; es hatte die perfekte Stimmung. a' = 440Hz.
Der REST DER ORGEL (Hauptwerk, Schwellwerk, Pedal) WAR HÖHER!!!
Warum?